Trudi Gerster war das Märchen.

Das grosse Gestern. Das „Es isch emol“, mit dem jede ihrer Geschichten begann. Trudi Gerster war aber auch bis fast zuletzt eine Frau mit einem grossen Savoir-vivre. Mit einer Stadtwohnung mitten in Basel, einem Sommerhaus in Elsass, wo sie noch mit weit über 80 selbst hinfuhr im Auto, um ein bisschen alleine zu sein oder altes Brot an Tiere zu verfüttern. An Tiere, die sie liebte und beobachtete, die sie auch oft im Zoo besuchte, es würde sich ihr dort, so sagte sie immer wieder, offenbaren, wie so ein Tier redet. So ein Elefäntli oder Krokodil oder Säuli.

Reden war ihr Leben und ihr Geschäft, zuerst – und bis zuletzt - als Märchenerzählerin, und zwischendurch auch noch viel konkreter, nämlich von 1968 bis 1980 als Politikerin, als Grossrätin in Basel, zuerst als Parteilose, dann im Landesring der Unabhängigen. Sie war damit eine der ersten Frauen überhaupt in einem Schweizer Rat.

Trotzdem war ihre Hauptwelt nie die praktische, sondern immer die märchenhafte, die imaginäre, diejenige, die alle Spielarten des Denkbaren und Machbaren zulässt und grenzenlos ist. Eine Welt, die sie vermitteln und übersetzen und zum Leben erwecken konnte wie niemand sonst. Angefangen hat sie damit als Kind, mit Märchennachmittagen für ihre Gschpänli zuhause in St. Gallen, als Achtjährige stand sie als „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ auf einer St. Galler Beizenbühne, die Leute hätten geschluchzt, so gut sei sie gewesen. An Selbstbewusstsein hat es ihr nie gemangelt, an Ehrgeiz schon gar nicht, und immer hat sie nach Auftrittsmöglichkeiten gesucht.

Eine davon war an der Landesausstellung 1939 in Zürich, und was anfänglich nur als etwas besserer Kinderhort gedacht war, verwandelte sich schnell zu einer der grossen Landi-Attraktionen: Neben dem Schifflibach und der Gondelbahn über den See war die 19-jährige Märchenfee Trudi Gerster über Nacht der grosse Schweizer Publikumsliebling. Schliesslich besuchten 10,5 Millionen Neugierige die Landi. Trudi Gersters Stimme war schon da nicht besonders schön oder angenehm, aber sie war besonders, war eingängig, war so farbig wie ein Kinderbuch, sie passte sich auch dem seltsamsten Fabelwesen an und klang immer ein bisschen wie aus einem Trickfilm: Nie hatten Zwerge munziger, Prinzessinnen verwöhnter und Hexen giftiger gewirkt als aus dem Mund von Trudi Gerster. Die Kinder waren hingerissen. Es war diese Stimme zusammen mit der Person Trudi Gerster, die genoss, wenn sie angehimmelt wurde, die keinen Tag im Leben publikumsscheu war, was ihre Auftritte so begehrt und so vital machte. Trudi Gerster wusste ein Leben lang, wie etwas klingen muss, damit die Schweiz danach süchtig wird.

Nachruf von Simone Meier, Tagesanzeiger Zürich, 2013


Nach erfülltem Leben ist die Märchenkönigin am 27.4.2013 im Kreise ihrer Familie sanft entschlafen.